Aukje van Dijk

Tro(o)st

Winter 2025 / 26

Trauer und Kummer gehören zum Leben jedes Menschen dazu. Dennoch geht jeder anders damit um. Für den einen liegt Trost in einer stillen Geste, für den anderen in einem ausgesprochenen Wort oder einem Ritual, das Wiederholung und Halt bietet. Aber Rituale verschwinden, Bräuche verändern sich, Gemeinschaften wandeln sich. Wie finden wir noch Trost in einer Welt, in der traditionelle Formen immer häufiger wegfallen? Mit dieser Frage betritt die niederländische Social Designer und Künstlerin Aukje van Dijk diesen Winter die Pförtnerloge in Krefeld.

Aukjes Zeit in Krefeld dreht sich um das Sammeln, Teilen und Greifbarmachen von Worten des Trostes. Der Ausgangspunkt ist einfach, aber kraftvoll: Welches tröstende Wort würdest du in Momenten des Verlusts gerne hören? Oder welches Wort hättest du gerne gehört, das aber ungesagt blieb? Aus den Antworten entsteht eine Sammlung kurzer Sätze, die Aukje „Trostsätze” nennt. 

Diese Trostsätze erhalten dann einen physischen, sichtbaren Platz, indem sie auf Ärmel gestickt werden. Die Wahl des Ärmels ist kein Zufall: In Momenten echter Trauer ist nicht immer ein Taschentuch zur Hand. Tränen und Nasenschleim werden dann oft an einem Ärmel abgewischt, dem nächstgelegenen Stück Stoff. Der Ärmel wird so zu einem intimen Symbol für Verletzlichkeit und Nähe. Gleichzeitig verweist dies auf die Textilgeschichte Krefelds, wodurch lokales Erbe und persönliche Geschichten aufeinandertreffen.

Die Stickerei wird so zu einem zeitgenössischen Ritual: langsam, aufmerksam und mit den Händen verbunden mit den Worten eines anderen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Hingabe erfordert und in dem die Kraft der Wiederholung, der Stille und der Berührung spürbar wird.

 

Sticken ist zudem keine einsame Arbeit. Während ihres Aufenthalts lädt Aukje Besucher und Einwohner von Krefeld ein, mitzumachen. Wer möchte, kann sich hinsetzen und einen Faden durch den Stoff ziehen. In diesem gemeinsamen Prozess entsteht eine andere Form der Begegnung: nicht das flüchtige Gespräch des Alltags, sondern eine stille, gemeinsame Erfahrung. In der Bewegung von Nadel und Faden entsteht Nähe, auch ohne Worte.

Alle eingesendeten Trostworte erhalten außerdem einen Platz in einem offenen Kartenarchiv. Dort kann sich jeder, der ein Wort des Trostes sucht, eine Karte mitnehmen. So werden die Sätze tragbar und kommen wieder in Bewegung: von einer Hand zur anderen, von einer Lebenssituation zur nächsten. Das Archiv wächst mit jedem Beitrag und bildet ein greifbares Gedächtnis gemeinsamer Erfahrungen.

Die Kraft dieser Arbeit liegt gerade in den kleinen Gesten. Ein Wort, ein Faden, eine Karte: Manchmal braucht es nicht mehr, um Trauer anzuerkennen und Trost greifbar zu machen. Die Residenz zeigt, dass in der Zerbrechlichkeit einer einfachen Geste etwas Großes stecken kann. Manchmal ist es genau dieses eine Wort, diese eine Berührung, die den Beginn eines neuen Atems markiert.

 

In diesem Winter wird die Pförtnerloge zu einem Ort, an dem Trauer nicht verdrängt werden muss, sondern existieren darf. Ein Ort, an dem Trost sichtbar, spürbar und teilbar wird. In den bestickten Ärmeln, in denen einst Tränen getrocknet wurden. In dem verschwindenden Stoff, der sich als Metapher für die Zerbrechlichkeit des Lebens auflöst, während die Worte bleiben. Und in der Sprache, in der Trost und Trost fast gleich klingen – weil das Bedürfnis nach Nähe, Sanftheit und Verbundenheit überall auf der Welt dasselbe ist.

Auszug aus der Einführung von Emmanuel Mir

"... In westeuropäischen Gesellschaften erlebt Empathie derzeit eine Renaissance – nicht als klassische moralische Tugend, sondern als soziale Kompetenz. Politik, Medien und Bildung propagieren sie als Gegenmittel zu Verhärtung und Entfremdung; Begriffe wie Achtsamkeit und Selbstfürsorge sind längst in den öffentlichen Diskurs eingezogen und gelten als Teil einer emotionalen Intelligenz, die in (fast) allen Lebensbereichen unverzichtbar scheint.

Die Frage, warum Menschen Trost brauchen, beschäftigt Psychologie und Ethnologie. Besonders interessant sind dabei die Erkenntnisse der US-amerikanischen Psychotherapeutin Jean Liedloff, die nach einem Aufenthalt bei den indigenen Yequana in Venezuela ihr Kontinuum-Konzept entwickelte. Sie verglich das Leben dieses naturverbundenen Volkes, das auf die authentischen Bedürfnisse von Kindern eingeht, mit der westlichen Zivilisation, die diesen natürlichen Bezug oft unterbricht. Liedloffs These: Kleinkinder benötigen grundlegende Erfahrungen wie Körperkontakt, Nähe und Integration in den Alltag, um später emotional ausgeglichen zu sein. Empathie spielt dabei überraschenderweise keine zentrale Rolle.

Noch auffälliger: Bei kranken Kindern zeigten die Yequana-Eltern kaum Anteilnahme – kein Trost, keine aufmunternden Worte, keine Streicheleinheiten. Ihr Verhalten blieb in Gesundheit und Krankheit, Normalität und Krise gleich; die Lage der Kinder wurde weder beschönigt noch dramatisiert und die Konfrontation mit der Realität nicht gelindert. In solchen Situationen scheint die Empathie der Eltern also die gesunde Weiterentwicklung der Kinder, zu der auch das Ertragen von Leid und Trauer gehört, zu stören. Das wirft die Frage auf: Ist unsere Empathie wirklich so moralisch wertvoll, wie wir annehmen? Sind das Mitgefühl und die tröstende Zuneigung, anders als intuitiv angenommen, eher ein Hindernis der persönlichen Entwicklung als eine Unterstützung in schwierigen Momenten?..."

Zur Künstlerin

Aukje van Dijk ist eine niederländische Künstlerin und Social Designerin. Nach Ausbildungen in Sozialpädagogik und Grafikdesign (HKA Arnhem) arbeitete sie als Dozentin und Mentorin. Seit 2019 ist sie selbstständig tätig und verbindet in ihrer Arbeit künstlerische Gestaltungsprozesse mit sozialer Verantwortung. Ihr interdisziplinärer Ansatz basiert auf persönlichen Erfahrungen und dem Engagement für ökologische und soziale Themen. Van Dijk entwickelt Projekte, die Gemeinschaften einbeziehen und durch kreative Methoden gesellschaftliche Fragen aufgreife.

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